DENIC-Chef Jörg Schweiger spricht über DENIC, Sicherheit, neue TLDs, ICANN, DSGVO und die Zukunft der Domains

Im Januar gab Jörg Schweiger, von 2007 bis 2014 CTO und seit 2014 CEO der DENIC, bekannt, dass er im Dezember von seinem Amt zurücktritt. Das ist eine lange Zeit, und die Domainbranche hat sich sehr stark entwickelt. Wir haben Jörg Schweiger ein paar Fragen zu seiner Zeit bei der DENIC und den Veränderungen, die er erlebt hat, gestellt.

Jörg Schweiger ist einer dieser Menschen, die einen mit einem freundlichen Lächeln einnehmen, immer offen für den Dialog. Als wir ihm also ein paar Fragen stellten, antwortete er mit einigen aufschlussreichen Ansichten darüber, warum er der Meinung ist, dass die neuen TLDs eine große Chance verpasst haben, wie wichtig Sicherheit und Zuverlässigkeit für die DENIC ist und welche Herausforderungen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO oder GDPR) sowie die Zukunft der Domainnamen mit sich bringen. Jörg fragt sich sogar, ob ICANN angesichts des Kostendrucks, der anstehenden globalen Regulierungsinitiativen und der unterschiedlichen Ansichten in ihrer “breiten, vielschichtigen Community” weiterhin ihre (klar umrissene) Aufgabe erfüllen kann.

David Goldstein: Sie sind seit 2007 Mitglied des Vorstands der DENIC, waren 7 Jahre lang CTO der DENIC und sind seit 2014 CEO, was hat Ihr Interesse an der Domainbranche geweckt?

Jörg Schweiger: Bereits 2007 war abzusehen, dass das Internet massiv weiter in alle Bereiche unseres Lebens – egal ob wirtschaftlich, sozial oder privat – vordringt und eine unersetzliche und unverzichtbare Rolle einnimmt.

Die Domain Industrie ist und war ein wesentlicher Baustein der Basisinfrastruktur des Internet mit hohen Anforderungen an Verfügbarkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Wenn das nicht genügend Gründe sind in einer wachsenden, spannenden Industrie mit zu gestalten und Teil einer herausragenden Community zu werden?!

DG: Was waren aus Ihrer Sicht die größten Anforderungen, Herausforderungen und Veränderungen des Domainnamengeschäft in Ihrer Zeit bei der DENIC? Hat sich die Branche so entwickelt, wie Sie es erwartet hätten? Oder nicht erwartet haben?

JS: Die wesentliche Veränderung ist sicherlich der Launch der neuen generischen Top Level Domains, für ICANN mit dem Ziel verbunden „consumer choice and competition“ zu erhöhen. Aus meiner Perspektive wurde das Ziel jedoch weitgehend verfehlt. Was absehbar war und ein Grund, warum DENIC sich hier nicht engagiert hat. Meine Beobachtung ist, dass, neben den traditionellen TLDs, eher Platz ist für neue TLDs mit innovativen, andersartigen Geschäftsmodellen, denn für solche, die für ihren Erfolg i. W. die Anzahl der Registrierungen als Geschäftsgrundlage haben.

Anforderungen und Herausforderungen? Das Thema Sicherheit und die damit zwangsläufig auch verbundenen wirtschaftlichen Implikationen sind und bleiben immanent wichtig und permanent herausfordernd. Ähnlich wie politische und regulative Maßgaben – beide ebenfalls mit deutlichen Auswirkungen auf die Kostensituation.

Die Anforderungen an die Sicherheit haben bei DENIC schon unter meiner Ägide frühzeitig zu global verteilten, redundanten Rechenzentren, ISO 27001 ff und BCM 22301 Zertifizierung geführt sowie zur Einstufung des Name Service der DENIC als Kritische Infrastruktur. Mit NIS 2 und der weiteren Umsetzung der DSGVO [Stichwort: (automatisierter) Zugang für Gruppen mit berechtigtem Interesse] sowie der im Raume stehenden Forderung nach data accuracy and completeness werden Sicherheit, Regulierung und Compliance auch zukünftig maßgebenden Einfluss haben.

Zudem werden die fortlaufenden Konzentrationsprozesse sowie die vertical integration ein weiter Auslöser für kommende Veränderungen in der Industrie und damit für den Verbraucher sein.

Es wird spannend zu beobachten, wie ICANN ihre Rolle als unabhängiger Steward für names and numbers im Kontext von Kostendruck, Regulierungen mit transnationalen Auswirkungen und divergierenden Interessenlagen einer breit gefächerten Community deren Interaktions- und Abstimmungsmöglichkeiten infolge der Pandemie eingeschränkt sind, behaupten kann.

DG: Die ersten ccTLDs, darunter auch .de, wurden bereits vor rund 35 Jahren vergeben. In dieser Zeit hat sich viel verändert. Wie sehen Sie die Zukunft der Domain-Namen?

JS: Hinsichtlich der Nutzung von Domains für Kommunikation und Marketing haben wir in den letzten Jahren eine deutliche Verlangsamung des Wachstums gesehen, u.a. verursacht durch social media, erweiterte Möglichkeiten der Browser und den Trend zu mobilem Business und Apps.

Die neuerliche Zunahme der Registrierungszahlen ist i. W. Resultat der Digitalisierungsinitiativen als Reaktion auf die Pandemie und damit keine langfristige Trendumkehr.

Als technischer Ankerpunkt werden Domains und DNS weiterhin eine tragende Rolle spielen. Insbesondere DNS als eine technisch einfache, aber sehr robuste und vor allem erprobte und flächendeckend eingeführte Technologie, hat Potential auch andere Anwendungszweige zu erobern. So nutzen wir DNS bei DENIC und bei der ID4me AISBL als Basistechnologie zur Implementierung eines Ökosystems für Digitale Identitäten. Auch für die Service Discovery, wie beispielsweise bei GAIA-X benötigt, könnte DNS ein betrachtenswerter Ansatz sein.

DG: Sehen Sie Bereiche für zukünftiges Wachstum für .de und/oder darüber hinaus für andere ccTLDs/gTLDs?

JS: Wie bereits angerissen, bietet DNS Diversifikationspotential. Um dies zu schöpfen, hat DENIC mit der DENIC Services ein erfolgreiches Tochterunternehmen gegründet. Hier haben wir zusätzliche Leistungen wie Anycast für Dritte und Escrow lokalisiert und werden weitere Dienstleistungen rund um Identity Management anbieten.

Das erlaubt DENIC die Konzentration auf seine vordringlichste Aufgabe – den Betrieb einer (für das Internet in Deutschland) kritischen Infrastruktur mit höchster Zuverlässigkeit, Sicherheit und Verfügbarkeit. Seit mehr als 3 Dekaden tun wir dies als unangefochtener Marktführer in Deutschland und globaler Kostenführer. Mit nun annähernd 17 Millionen Domains war .de Jahre lang die größte ccTLD und ist weltweit unter den TOP5 TLDs.

DG: Sie sind noch viel zu jung, um in Rente zu gehen! Was haben Sie nach 14 Jahren bei der DENIC für Pläne für die kommenden Jahre? Werden wir Sie bei zukünftigen Domain Pulse oder ICANN-Meetings sehen?

JS: Neben meinen Aufgaben in der Führung von DENIC, bin ich aktiv in die Gestaltung der Nutzung und weiteren Entwicklung des Internets involviert. Ob bei ICANN als Working Group Chair, als Chair des Board of Directors bei CENTR, als Steering Committee Mitglied des IGF-D oder im globalen IGF-Dialog als Organisator von Workshops und Panalist, oder als Co-Autor von Vorschlägen zur Umsetzung der Ziele der Enhanced Digital Cooperation der UN. Kurz: Das Arbeiten in der Domainindustrie ist eine sehr spannende, vielseitige und erfüllende Aufgabe. Ich kann mir daher gut vorstellen, mich hier weiterhin zu engagieren. Offen für neue Herausforderungen!

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